Gin

Die zeitlose Faszination des Gins: Eine Reise durch Geschmack und Geschichte

Die zeitlose Faszination des Gins: Eine Reise durch Geschmack und Geschichte

Historischer Kupferbrennkessel, Gravur

Gin gilt heute als Inbegriff britischer Trinkkultur, dabei liegen seine Wurzeln in den Niederlanden, und sein Weg dorthin führt über Kriege, Hungersnöte, Kolonialpolitik und mehrere gescheiterte Gesetze. Wer verstehen will, warum ein London Dry Gin so schmeckt, wie er schmeckt, muss diese Geschichte kennen.

Die Ursprünge: Genever aus den Niederlanden

Der Vorläufer des Gins heißt Genever (auch Jenever) und entstand in den Niederlanden. Häufig wird die Erfindung dem Leidener Medizinprofessor Franciscus Sylvius im Jahr 1572 zugeschrieben, der Wacholderöl medizinisch als Mittel gegen Nieren- und Magenleiden eingesetzt haben soll. Diese Geschichte ist allerdings vermutlich eine Legende: Schriftliche Belege für wacholderaromatisierte Spirituosen reichen bis ins 15. Jahrhundert zurück, älter als Sylvius selbst und älter als die Universität Leiden. Kommerziell fassbar wird Genever jedenfalls mit dem Amsterdamer Haus Bols, das 1575 gegründet wurde und durch seine Verbindung zur 1602 gegründeten Vereinigten Ostindien-Kompanie Zugang zu exotischen Gewürzen und Botanicals hatte. Im 17. Jahrhundert verlagerte sich die Produktion zunehmend von Wein- auf Getreidedestillat, weil dieses billiger und in größeren Mengen herstellbar war — der Wacholder diente dabei auch dazu, den rauen, oft unreinen Geschmack der frühen Getreidebrände zu überdecken. Schiedam bei Rotterdam entwickelte sich zum Zentrum dieser Industrie und blieb es bis weit ins 19. Jahrhundert.

Dutch Courage: Wie der Wacholderschnaps nach England kam

Englische Soldaten lernten Genever kennen, als Truppen unter Elisabeth I. ab 1585 die niederländischen Aufständischen im Krieg gegen Spanien unterstützten, und erneut im Dreißigjährigen Krieg im frühen 17. Jahrhundert, als englische Söldner an der Seite niederländischer Verbände kämpften. Der Schnaps, den man vor dem Gefecht trank, um die Nerven zu beruhigen, brachte den Soldaten den bis heute gebräuchlichen englischen Ausdruck „Dutch Courage" ein. Zu Hause blieb Genever zunächst ein Importgut für eine kleine, meist wohlhabende Käuferschicht.

Gin erobert England

Den entscheidenden Schub bekam die Spirituose 1688/89 mit der Glorious Revolution: Der Niederländer Wilhelm von Oranien bestieg als Wilhelm III. den englischen Thron. Seine Regierung förderte aus wirtschaftspolitischen Gründen bewusst die heimische Kornbrennerei — auch um den Import von Branntwein aus dem verfeindeten Frankreich zurückzudrängen. 1690 wurde das Monopol der Londoner Distillers' Company aufgehoben, Steuern auf die Spirituosendestillation sanken, und praktisch jeder durfte gegen eine kleine öffentliche Ankündigung Alkohol brennen und verkaufen. In Kombination mit günstigen Getreidepreisen und wachsenden Einkommen der städtischen Unterschicht setzte eine Massenproduktion billigen Wacholderschnapses ein, der bald als „Gin" bekannt wurde — vermutlich eine verkürzte, verballhornte Form von „genever" bzw. dem französischen „genièvre".

Die Gin Craze im London des 18. Jahrhunderts

Was folgte, ging als „Gin Craze" in die Geschichte ein. Bereits 1721 beklagten Londoner Friedensrichter Gin als „Hauptursache allen Lasters und aller Verdorbenheit unter den geringeren Leuten". 1728 warnte Daniel Defoe vor einer verwahrlosten Generation. Der Höhepunkt lag um 1743, als in London rechnerisch etwa acht Millionen Gallonen Gin jährlich konsumiert wurden — umgerechnet über zwei Pints pro Kopf und Woche, Kinder mitgezählt. Der Fall der Judith Defour, die 1734 ihre zweijährige Tochter tötete, um deren Kleider für Gin zu verkaufen, erschütterte die Öffentlichkeit. William Hogarth verewigte das Elend 1751 in seinem berühmten Stich „Gin Lane". Zwischen 1729 und 1751 erließ das Parlament acht Gin Acts, die meisten wirkungslos: Das Gesetz von 1736 verlangte horrende Lizenzgebühren von 50 Pfund im Jahr — am Ende wurden landesweit nur zwei Lizenzen ausgestellt, während der Schwarzmarkt blühte und Denunzianten auf der Straße angegriffen wurden. Wirksam war erst der Tippling Act von 1751, der den Verkauf an feste, höher besteuerte Ladenlokale band, kombiniert mit steigenden Getreidepreisen durch Missernten ab 1757, die Gin schlicht zu teuer für die Massen machten. Um 1760 war die Krise weitgehend vorüber.

Vom Fusel zum London Dry Gin

Der frühe Gin schmeckte roh und unrein, weshalb Zucker und starke Aromen den Alkoholgeschmack der einfachen „Pot Stills" kaschierten — dieser gesüßte Stil wurde später als Old Tom Gin bekannt. Die entscheidende technische Revolution kam 1831 mit dem von Aeneas Coffey patentierten Column Still (Coffey Still). Dieser kontinuierlich arbeitende Brennapparat lieferte einen deutlich reineren, hochprozentigeren Alkohol, der kein Kaschieren mehr nötig hatte. Damit wurde der trockene, ungesüßte „London Dry Gin" möglich, der sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Standard durchsetzte. Häuser wie Beefeater (1876 als eigenständige Marke etabliert) oder der Zusammenschluss von Tanqueray und Gordon's 1898 prägten diesen Stil bis heute.

Gin & Tonic — ein Erbe des Empires

Die Verbindung von Gin und Tonic Water entstand im britisch verwalteten Indien. Chininhaltiges Tonic diente Offizieren und Kolonialbeamten seit den 1850er-Jahren als Malariaprophylaxe, war aber pur bitter und kaum trinkbar. Man mischte es mit Zucker, Soda und Gin, um es genießbar zu machen — die Geburtsstunde eines Cocktails, der bis heute Gins Popularität trägt. 1870 brachte Schweppes ein industriell gefertigtes, karbonisiertes Indian Tonic Water auf den Markt und machte die Mischung massentauglich.

Niedergang und Craft-Gin-Renaissance

Nach einer Blüte um die Wende zum 20. Jahrhundert und einem Exportboom während der US-Prohibition (1920–1933) — als Bathtub Gin die Notlösung amerikanischer Hinterhofbrenner war und legaler britischer Gin nach deren Ende gefragt war wie nie — geriet Gin ab den 1960er-Jahren gegenüber Wodka zunehmend ins Hintertreffen. Alter Old Tom Gin verschwand fast vollständig vom Markt. Die Wende kam ab den späten 1980er-Jahren, angestoßen durch Bombay Sapphire (1988), gefolgt von einer neuen Markenwelle um die Jahrtausendwende: Tanqueray No. Ten, Hendrick's und weitere. 2006 prägte der Barkeeper Ryan Magarian mit Aviation Gin den Begriff „New Western Dry Gin" für Stile, in denen Wacholder nicht mehr dominiert, sondern gleichberechtigt neben anderen Botanicals steht. Ab 2008/2009 senkten in Großbritannien kleine Craft-Brennereien wie Chase Distillery und vor allem Sipsmith — die erste Londoner Brennerei seit fast 200 Jahren, der es 2009 gelang, eine Lizenz für einen Kleinbrennkessel unter der bis dahin üblichen Mindestgröße von 1.800 Litern zu erhalten — die Einstiegshürden drastisch und lösten den bis heute anhaltenden internationalen Craft-Gin-Boom aus, in dessen Zuge seither hunderte neue Destillerien und Botanical-Kompositionen entstanden sind.